Stadtentwicklung geht nicht nach Beliebigkeit

von Ralf Krombholz (Oktober 2015)

Die Packhoffläche ist die letzte größere innerstädtische Entwicklungsfläche.

Sie hat für den Erfolg der Stadterneuerung nach der Wende von 1989 eine Schlüsselfunktion, denn nur noch hier ist es möglich, Wohnungsbau in größerem Umfang zu realisieren.

Dieser Wohnungsbau ist für die Realisierung des Sanierungsleitbildes “Lebendige Innenstadt” unersetzlich wichtig.

Die Stadterneuerung ist noch nicht abgeschlossen und die Belebung der Innenstadt ist noch nicht stabil erfolgt. Der Ladenleerstand hat zugenommen und die Attraktivität der Hauptstraße als Fußgängerzone ist gering. Eine stabile Aufwärtsentwicklung ist bislang leider noch nicht erreicht worden.

Deshalb ist die Entwicklung des Packhofes als Wohnstandort der Schlussstein der Stadterneuerung in der historischen Innenstadt.

Er ist notwendig um den Umschwung vom der Abwärtsentwicklung zur DDR-Zeit zu einer hochattraktiven Innenstadt zu gewährleisten. Wir brauchen immer noch mehr Menschen, die in der Innenstadt wohnen und auch einkaufen. Die Kaufkraft dieser zusätzlichen Bewohner ist für den Einkaufsstandort “Innenstadt” von entscheidender Bedeutung. Kaufkraft und Angebot bedingen sich gegenseitig. Steigt die Kaufkraft eines Gebietes, steigt auch das Einzelhandelsangebot. Der Einzelhandel hätte die Chance, sich auf einer besseren Basis als heute zu stabilisieren.

Es mag sein, dass “Hotelspezialisten” den Packhof für ein Tagungshotel favorisieren würden. Jedoch trägt ein Hotel zur Belebung der Innenstadt nichts bei. Ein solches Hotel ist eine ausschließlich nach Innen wirkende Einrichtung, die kaum belebende Effekte nach außen erwarten lässt. Deshalb ist eine isolierte Betrachtung aus der Standortsuche für ein neues Hotel heraus, aus der Entwicklungsperspektive der historischen Innenstadt leider völlig falsch.

Die richtige Frage lautet: Welchen Beitrag kann der Packhof für die Belebung des Stadtzentrum leisten? Wer aus dieser Perspektive denkt, wird kaum auf ein Hotel kommen. Man wäre wohl auch nicht darauf gekommen, die Büros eines städtischen Unternehmens an die Wasserfront zu bauen, damit die Büromitarbeiter einen schönen Ausblick haben. Auch diese Entscheidung war falsch. Wer seinen Stromzähler im dortigen Kundenzentrum anmeldet, kann ermessen, welche Chance auf schöne Wohnungen im Herzen der Innenstadt an dieser Stelle vertan worden ist. Die Mitarbeiter verlassen das Gebäude mit Büroschluss und die Fläche ist verwaist. Niemand geht noch shoppen oder macht einen abendlichen Spaziergang und unternimmt etwas. Kein Theater- oder Kinogang, kein Besuch der Gastronomie – nichts geht von dieser Immobilie aus.

Stadtentwicklungsfragen haben eine langfristige Perspektive. Falsche Entscheidungen können zu bleibenden und vor allem auch langfristig nicht zu heilenden Schäden führen. In der Innenstadt entscheidet sich das Wohl und Wehe der Stadt. Ein schönes Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit zeigt sehr deutlich, dass sich falsche Stadtentwicklungsentscheidungen manchmal erst aus dem zeitlichen Abstand heraus als völlig abwegig erkannt werden. 1965 hatte die Stadt Brandenburg für die Innenstadt einen Baustopp erlassen. Es durfte nichts mehr investiert werden, da man beabsichtigte die historische Innenstadt weitgehend bis auf wenige historische Kernbauten abzureißen und durch Plattenbauten zu ersetzen. Die Stadt verfiel weiter und realisiert wurde glücklicherweise weder der Abriss noch der Neubau. Nur der Plattenbau an der St. Annenstraße Ecke Steinstraße mit den später vorgesetzten “Würfeln” ist beredtes Zeugnis jener Epoche. Für den Packhof hatte man ein Bebauung mit sog. Gesellschaftsbauten, einem Hotel, Rat der Stadt, Stadthalle etc. vorgesehen. Hierzu wurde sogar eigens ein städtebaulicher Wettbewerb ausgelobt.

Heute wird man sagen: Oh Gott, wie verirrt waren denn damals die Verantwortlichen in dieser Stadt? Sie waren aber nicht verirrt sondern haben aus der Zeit heraus falsche Entscheidungen favorisiert und nicht erkannt, dass sie den Untergang der historischen Innenstadt planten.

Solche historischen Fehlentscheidungen hat es in vielen Städten und zu jeder Zeit gegeben. Denken Sie bei Brandenburg an der Havel an den staatlich veranlassten Abriss der Abtei auf dem Marienberg im 18. Jahrhundert. Gleich falsch waren der Abriss des Neustädtischen Rathauses nach teilweiser Kriegszerstörung 1946. Alle Entscheidungen wurden aus zu kurzer Betrachtungsperspektive als vermeidlich richtig getroffen. Anfang der 1990iger Jahre wurde entschieden, einen historischen und unter Denkmalschutz stehenden Mühlenspeicher in der Wilhelmsdorfer Straße abzureißen um dort die Bekleidungskette C&A anzusiedeln. Das Gebäude steht leer und macht einen sehr ungepflegten Eindruck. Die Immobilie ist nutzlos geworden. Die Richtigkeit der damaligen Entscheidung hatte eine Reichweite von kaum 20 Jahren. Sie war falsch und unnötig.

Stadtentwicklungsentscheidungen sind keine Beliebigkeitsentscheidungen. Sind Sie für ein Hotel oder finden Sie ein neues Wohnquartier besser? Gute Stadtentwicklungsentscheidungen sind wohl überlegt und von der Frage getragen: Was nützt unserem Stadtzentrum wirklich? Und warum nützt es mittel- und langfristig? Welchen Einfluss hat die anstehende Entscheidung auf andere Quartiere oder den Einzelhandel? Welche Effekte hat die Entscheidung auf andere Infrastrukturen? Wird es mehr Kunden geben? Wird es mehr Straßenbahnfahrer geben? Werden die Gemeinbedarfseinrichtungen besser nachgefragt werden? Wie sieht es mit Naherholung, Kindergärten etc. aus?

Mit der Entscheidung das Packhofgelände für einen Hotelneubau zu missbrauchen bahnt sich in Brandenburg an der Havel eine weitere, leider sehr gravierende Fehlentscheidung an. Es ist schade, dass eine solche Bebauungsentscheidung sich am Ende in einem Kräftemessen der politischen Kräfte verlieren wird.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.