Sondervotum zur Entscheidung des Auswahlgremiums Packhof

Von Daniel Keip (SPD), Martina Marx (B90/Grüne/Pro Kirchmöser), Birgit Patz (Linke/Gartenfreunde)

Der Packhof, jenes mehr als drei Hektar große Areal inmitten der Alt- und Neustadt Brandenburgs, ist in den vergangenen Tagen immer wieder als Filetgrundstück bezeichnet worden. Doch wird die jetzt favorisierte Entwicklung dieser Bedeutung gerecht? Wir, die drei unterzeichnenden Mitglieder des Auswahlgremiums sowie zwei weitere sind der Meinung nein. Schon die Vorgaben des durch die SVV erarbeiteten Exposés werden an vielen Stellen vom favorisierten Entwurf nicht beachtet. So fordert das Exposé:

  1. Die Hotelnutzung darf in der Bruttogeschossfläche sowie in Qualität und Lagegunst den Wohnstandort nicht in die zweite Reihe verdrängen.
  2. Die Architektur des Hotels muss sich in das historische Umfeld einfügen.
  3. Bei der Bebauung sind die Sichtachse zwischen Jahrtausendbrücke und dem Dom zu berücksichtigen.
  4. Die Höhe der Bebauung in Richtung der Niederhavel soll sich an der niedrigen zwei-dreietagigen Bebauung auf der anderen Flussseite orientieren.
  5. Das Hotelgebäude soll sich an einem modernen und anspruchsvollen, jedoch nicht spektakulären Baustil orientieren.

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Schematische Darstellung der Dimensionen des von premero geplanten Hotelneubaus © BI Packhofgebiet

All diesen Vorgaben des Exposés wird der Entwurf von Premero, der in der vergangenen Woche als Sieger vom Auswahlgremium bestimmt wurde, nicht gerecht. Im Gegenteil, die jetzt zur Vorlage für die Stadtverordnetenversammlung vorgeschlagene städtebauliche Ideensammlung hat viele Schwächen, die sich sogar nachteilig auf die Entwicklung des gesamten Quartiers auswirken werden.

Schon bei dem Kriterium der Gleichwertigkeit von Hotel- und Wohnnutzung gelingt es dem Projektentwickler nur unter Einbeziehung von Flächen außerhalb des Exposé-Bereiches die Vorgaben von der Ausgewogenheit in Bezug auf die Bruttogeschossfläche zu erfüllen. Erst durch die Einberechnung von zwei mindestens dreietagigen geplanten Gebäuden entlang der Eichamtstraße, findet eine geforderte Wohnbebauung in gleichem Umfang wie die Hotelbebauung statt. Schon aus diesem Grund muß das Angebot, da es die formalen Vorgaben nicht erfüllt, von der SVV zurückgewiesen werden. Auch in Bezug auf die Lage und die Gestaltung wird in der vorliegenden Konzeptskizze deutlich, dass das Wohnen verdrängt und dem Hotel komplett untergeordnet wird.

Die Einfügung des Hotelriegels in die historische Bebauung bleibt mehr als fraglich. So sind weder die gründerzeitlichen Strukturen der angrenzenden Straßenzüge oder die Wohngebäude der 20er Jahre in der architektonischen Form und Struktur aufgegriffen worden, noch die gewachsene mittelalterliche Stadtstruktur auf der gegenüberliegenden Altstadtseite. Auch die Höhe des Gebäudes mit fünf Stockwerken weicht so klar von den Vorgaben des Exposés ab, dass städtebaulich nicht nur von einem Körper im Raum, sondern von einem monolithischen Block in einem Quartier gesprochen werden muss. Die anhand der Ideenskizze abzulesenden Freiräume und Wegebeziehungen stellen sich mehr als fraglich dar. So ist nicht ersichtlich, warum diagonale Linien durch Blockstrukturen geführt wurden, die weder Sichtbeziehungen noch Stadtstrukturen bilden. Die Anlage der Wohnbebauung und des Hotelriegels entlang eines breiten Straßenkorridors bringt daneben die Gefahr mit sich, dass beide Nutzungsformen streng getrennt von einer Straßenschlucht getrennt bleiben und auch so wahrgenommen werden. Ein Quartierszusammenhang ist so nicht zu erkennen und eine positive Aufenthaltsqualität nicht vorstellbar. Die Überkragung der Näthewinde ist ebenso effekthascherisch konzipiert, wie die Ausrichtung des Hotelriegels selbst. Aus dem bisherigen Packhofquartier wird der Blick auf die St. Gotthardkirche und die historische Altstadt durch die dreiteilige Anlage des Hotels fast vollständig verdeckt. Die Kleingärtner auf Kleins Insel werden durch die auskragenden Baumassen bedrängt. So werden Zusammenhänge zwischen den Stadtteilen und Sichtbeziehungen aus den Stadtvierteln untereinander der exponierten Lage des Hotels geopfert, ohne dass es dafür nachvollziehbare städtebauliche Gründe gibt. Die Lagegunst des Hotels wird zum Nachteil des Quartiers erkauft und verdrängt die historisch gewachsenen Sicht- und Funktionsbeziehungen der Kernstadt.

Ebenso schwach ist die Struktur des Quartiers in sich. Durch die Einbettung eines dauerbegrünten dreigeschossigen Parkhauses mit den Abmaßen 40×40 m in der Quartiersmitte wird die Chance der Ausbildung eines Quartierszentrums vollständig verbaut. Weder die Position noch die Konzeption dieses Quartiersparkhauses mit bis zu 450 Stellplätzen können überzeugen. Bei einer Ausparkzeit von einer Minute und bei drei bis vier Übergabestellen, werden sich die Schwachpunkte dieses Konzeptes in den morgendlichen Spitzenstunden für alle Bewohner des Quartiers verdeutlichen. Auch der Standort des Parkhauses inmitten der Sichtachse Jahrtausendbrücke – Dom wird sich negativ auf die wahrnehmbare Stadtstruktur auswirken. Ein reines Funktionsgebäude in das Zentrum einer städtebaulichen Ideenskizze zu setzen, zeigt das fehlende städtebaulich-architektonische Verständnis, welches im gesamten Konzept bezüglich der Wohnbebauung offenbar wird. Der Schwerpunkt des gesamten Entwurfes liegt eindeutig auf der Hotelentwicklung und die Anlage der Wohnquartiere teilweise mit vollverschattetem Blick auf den dauerbegrünten Parkklotz zeigt, wie wenig qualifiziert der Entwurf das gesamte Areal betrachtet.

Insgesamt handelt es sich bei dem vorgelegten Ideenkonzept um eine sterile und zusammenhanglose Skizze eines Hotels plus aus Verlegenheitsgründen ergänzten Wohnbauten. Die Schwächen des Entwurfs werden spätestens bei einer Betrachtung aus funktionalen und städtebaulichen Gesichtspunkten offenbar. Auch die Erschließung des Geländes über die Hammer- und Eichamtstraße und damit bezüglich der Hammerstraße über das Vereinsgelände des RCHB und den darauf verlaufenden Havelradweg zeigt auch hier deutlich fehlende Auseinandersetzung mit den örtlichen Gegebenheiten. Die von den Planern vorgeschlagene Lösung ließe sich, wie es Herr Prantner von RIMC sagte, auch in jeder anderen sekundären Stadt realisieren und zeigt in keiner Weise eine Verbindung zu Brandenburg an der Havel. Noch nicht einmal die etwas fragwürdige maritime Umschreibung und die schmeichelnde Charakterisierung eines Schiffsrumpfes vermögen zu überzeugen und eine Beziehung zum historischen Packhof und der Werftgeschichte darzustellen.

Abschließend bleibt festzustellen, dass diese Art der Stadtentwicklung, also die Unterordnung jeder historischen und quartierimmanenten Struktur unter die einseitige wirtschaftliche Nutzung, einer städtebaulichen Philosophie der 70er und 80er Jahre anhängt. Die Rücksichtslosigkeit, mit der auf die gewachsene Siedlungsstruktur, die Erschließung und auch die Altlastenproblematik reagiert wird, machen deutlich, dass es sich um eine Schubladenplanung handelt, die in ihren städtebaulichen Maßstäben auch in jeder anderen Stadt mit nur winzigen Veränderungen realisierbar wäre. Etwas Einmaliges oder etwas das historische Stadtbild Bereichernde sucht man in diesen Plänen vergebens. Aus diesen Gründen können wir nicht empfehlen diesen Vorschlag umzusetzen, weil er letztlich der Stadtentwicklung der letzten Dekaden zuwider läuft und behutsam Bewahrtes wieder zur Disposition stellt.

Der Verlauf des Bewertungsverfahrens war aus unserer Sicht völlig unzureichend. Die in mehreren Stunden intensiver Arbeit im Gremium herausgearbeiteten Bewertungskriterien spielten letztlich für die Entscheidung genau die selbe Rolle wie das mehrheitlich beschlossene Exposé, nämlich keine.

Der Vorsitzende der brandenburgischen Architektenkammer und Leiter der Arbeitsgruppe, Herr Schuster, spielte, gewollt oder ungewollt, eine sehr zweifelhafte Rolle. Obwohl als Fachmann für Architektur und Städtebau in das Bewertungsgremium berufen, beschränkte er sich ausschließlich auf die Moderation und diese misslang gründlich. Das angestrebte diskursive Bewertungsverfahren entpuppte sich als bloße unkommentierte Ansammlung von Statements, eine Diskussion, also der Austausch von Argumenten, fand nicht statt. Sehr auffällig war auch den anwesenden Zuhörern, dass die Hotelbefürworter sich in der Veranstaltung insgesamt wenig bis gar nicht äußerten. So bleibt uns auch Herr Schuster eine Erläuterung schuldig, warum er als Architekt den städtebaulichen Entwurf von Premero mit seinen kolossalen Strukturen für die kleinteilige historische Innenstadt positiv bewertet.

Insgesamt hätte man sich nach unserer Einschätzung das gesamte Verfahren deshalb sparen können und direkt nach der Vorstellung der beiden Entwürfe abstimmen können, das Ergebnis wäre kein anderes gewesen.