Ausgespielt: Tourismus gegen Wohnen

Erste öffentliche Präsentation der beiden Entwürfe für ein künftiges Bebauen des Packhof-Areals

Von André Wirsing

Formal haben beide Entwürfe den Bedingungen des Exposés zum Packhof entsprochen – doch gegensätzlicher konnten die Entwürfe der beiden Bewerber nicht sein, die am Donnerstag öffentlich im Altstädtischen Rathaus vor einer Bewertungskommission präsentiert worden sind.

Wohnbebauung und Hotel sind die Elemente, die auf einer 29.000 Quadratmeter großen Fläche anzuordnen waren. Jeder Bewerber legte seine Gewichtung anders.

Ein Team besteht aus den Investoren Prinz von Preußen Grundbesitz AG und Wohnungsbaugenossenschaft WBG sowie den Planern vom Architekturbüro Krekeler sowie Georg Marsfeld. Ihre Idee: Ein großer Wohnkomplex ist relativ zentral auf dem Areal platziert, kammartig erstrecken sich fünf Hauszeilen in Richtung Näthewinde. Anleihen wurden bei Wasser- und Lagerhäusern sowie Wohnhöfen genommen – das ermöglicht eine gewisse Kompaktheit, andererseits gibt es durch das modulare Prinzip vielfältige Teilungs- an Anordnungsmöglichkeiten. „Wir bauen praktisch die Innenstadt weiter und schaffen so ein städtisches Quartier“, sagt Planer Marsfeld. In Höhe der Stadtwerke ist das Hotel angeordnet – es ist in drei hintereinander stehenden und mit einem Wandelgang verbundenen Gebäuden geteilt, in Höhe des Historischen Hafens ist ein Zweigeschosser mit Restaurant und Wellness- Etage angeschlossen. Das Problem des Parkens haben die Planer einfach „verschwinden“ lassen. Unter die Wohn- und Hotelbauten werden Tiefgaragen geschoben. Keine reinen Kellergeschosse – das geht wegen des hohen Grundwasserstandes und der Bodenbelastung nicht. Deshalb wird jeweils das Parkdeck 1,50 Meter tief eingegraben und ragt dann 1,50 Meter heraus, auf die Deckenplatten werden die Gebäude gesetzt. Als Hotelbetreiber würde die österreichische AHC-Gruppe fungieren, in deren Aufsichtsrat der Prinz von Preußen sitzt. Von den Wohnungen würden 40 Prozent die WBG als Mietwohnungen für ihre Mitglieder herstellen, die anderen 60 Prozent hält die Grundbesitz AG – jeweils zur Hälfte Miet- und Eigentumswohnungen. In dreieinhalb Jahren könnte der Packhof komplett bebaut sein, sagt Ingo Bethke von der Prinz von Preußen Grundbesitz AG.

Eine Bauzeit von insgesamt drei Jahren verspricht der andere Bewerber Thorsten Schütte, einer der Gesellschafter der Premero Immobilien GmbH in Hamburg. Die Premero ist der Investor, der Hamburger Hotelentwickler RIMC würde das Haus dann betreiben. Das Hotel nimmt faktisch fast die ganze Uferbreite an Havel und Näthewinde ein, präsentiert wurde der Entwurf, der bereits seit sechs Monaten im Umlauf ist. 122 Zimmer soll das Vier-Sterne-Haus haben, hinzu kommt noch ein Komplex für Langzeitwohnen (Boardinghouse) sowie ein 4790 Quadratmeter großer Spa- und Wellnesstrakt, den aber weder Premero noch RIMC, sondern ein Externer betreiben soll. Das Bettenhaus ragt dann aber mit einem Luftgeschoss über den Uferweg hinweg weit in die Näthewinde hinein. Der gesamte Hotelkomplex soll knapp 20.000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche haben. Das Wohnen umfasst etwa 16.000 Quadratmeter, Schütte sagt dazu nur, dass zwei Drittel Eigentums- und ein Drittel Mietwohnungen sein sollen und das man auf eine luftige Bebauung mit Grün und „Piazzen“ Wert gelegt habe. Gleichwohl könne man das Bauland auch teilen, an andere Wohnungsbauinvestoren oder lokale Gesellschaften weitergeben. „Wir entwickeln gerade gleichzeitig 16 Hotelprojekte, da sind wir auch auf die lokalen Player angewiesen.“ Wenn aber das Hotel und der Betreiber in der Stadt aber nicht gewollt seien, habe er kein Problem damit, sich auf die anderen Projekte zu konzentrieren, gibt Schütte zu verstehen. „Wir sind bereit 92 Millionen Euro hier einzubringen.“ Das Thema Parken geht dieser Investor anders an, auch wenn er ebenfalls die Autos unsichtbar macht. Nämlich in einem dreigeschossigen „komplett begrünten Würfel“ mit einer Grundfläche von 40 mal 40 Metern mitten auf dem Platz. Der Stellplatzsuchende hält mit seinem Auto in einer der Übergabeboxen am Eingang, ein automatisches Parksystem stapelt den Wagen dann platzsparend weg. 450 Plätze soll das Parkhaus haben, bis zu 150 Plätze davon für Hotelgäste. Zudemsoll es 52 Kurzzeitparkplätze direkt am Hotel geben, sagt der Investor.

Die Jury entscheidet vorerst für den Hotelkomplex direkt am Ufer

Mit 8 : 5 Stimmen hat sich die Bewertungskommission für den Entwurf von Premero/RIMC entschieden, der einen dominanten Hotelbau am Ufer mit zurückgesetztem Wohnungsbau vorsieht.

Für diesen Entwurf haben gestimmt: Steffen Scheller (CDU,Bürgermeister), Angelika Köhler (Gebäude- und Liegenschaftsmanagement), Dieter Hütte (Tourismus Mark Brandenburg), Dirk Stieger (BfB), Herbert Nowotny (FDP), Walter Paaschen (CDU) und Bernhard Schuster (Präsident Brandenburgische Architektenkammer).

Gegen den Entwurf votierten Yvonne Stolzmann (Stadtplanungsamt), Birgit Patz (parteilos/Die Linke), Martina Marx (Bündnisgrüne), Daniel Keip (SPD) sowie Ulrich Wiesner (Denkmalund Sanierungsbeirat).

Das Votum stellt nur eine vorläufige Empfehlung dar und ist nicht bindend für die Stadtverordneten. Diese entscheiden unabhängig. Zudem soll der Investor bis Ende Juli noch Fragen zu Architektur und Kooperationen beantworten, dann tagt die Jury noch einmal.

Stimmen zu öffentlichen Anhörung

Michael Brandt (CDU): Zuerst war ich ein wenig beleidigt darüber, dass ich als Stadtentwicklungsbeigeordneter nicht in der Bewertungskommission sitzen durfte. Aber jetzt bin ich heilfroh darüber. Die beiden Entwürfe sind so gegensätzlich, dass man sie faktisch nicht miteinander vergleichen kann. Der eine (Krekeler Gruppe) ist ein architektonischer und städtebaulicher Entwurf, der andere (Premero/RIMC) ist eine Betrachtung zu wirtschaftlicher Machbarkeit.

Klaus-Peter Tiemann (CDU-Stadtverordneter): Ich bin enttäuscht vom Büro Krekeler, das hat einen provinziellen Entwurf eingereicht. Da sind wir von dem Büro viel Besseres gewohnt.

Birgit Patz (parteilos/Linken-Fraktion): Wie kommen sie dazu, Flächen überbauen zu wollen, die ihnen gar nicht gehören werden (an Premero-Chef Thorsten Schütte)?

Gerhard Prantner (RIMC-Chef): Brandenburg gehört zu den „sekundären Städten“. Da muss man erst die Betten in einem Vier-Sterne-Haus hinstellen, dann kommen die Gäste. Ansonsten zählt es zu den Durchgangsstädten – morgens kommen die Busse, die abends wieder abfahren.

Ingo Bethke (Prinz von Preußen AG): Unsere Grundlagenermittlung besagt, dass eher ein Drei- als ein Vier-Sterne-Hotel benötigt wird. Für das Thema Konferenzen und Wellness kann man in der Stadt und in der Region Kooperationspartner gewinnen. Wir wollen doch beispielsweise nicht dem Marienbad Konkurrenz machen, sondern ihm idealerweise mehr Gäste bringen.

Bernhard Schuster (Kommissionschef): Normalerweise sind Bewerbungsverfahren nicht öffentlich. Als Architektenkammer haben wir gute Erfahrungen mit Transparenz gemacht. Sie ist manchmal anstrengend, meistens aber auch hilfreich. Wir geben am Ende auf jeden Fall ein Votum ab.

Quelle: Märkische Allgemeine Zeitung vom 8. Juli 2016